Kanzlerbrief ans Volk

WDR 5 – Morgenecho am 30.12.05

Kanzlerbrief ans Volk

GLOSSE von Fritz Eckenga

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

Sie haben mir einen Brief geschreiben. Darum habe ich Sie nicht gebeten. Aus dem gleichen Grund schreibe ich Ihnen nun zurück, nur umgekehrt. Konnten Sie mir soweit folgen? Gut, dann weiter im Text, und zwar in Ihrem. Ich will mich nicht lange mit der in ihm verwendeten Grammatik und Syntax aufhalten. Das sind zwei Fremdwörter für Sie, deren Bedeutung man zwar kennen sollte, wenn man meint, Briefe schreiben zu müssen, aber Schwamm drüber, das neue Kirchenjahr ist noch jung und wir christlichen Abendländler sind mal wieder voller Hoffnung, dass mit Gottes Hilfe alles besser wird. Sie hingegen schreiben, dass Sie, ich zitiere, „an dieses Land und seine Menschen glauben“. Mit anderen Worten: Sie glauben an Deutschland und seine Deutschländer.

Sehr geehrte Frau Merkel, ich will gerne konzidieren, dass Sie herkunftsbedingt nicht so knietief im Stoff stehen wie ich, aber sollten Sie als erklärte Protestantin nicht wenigstens Basiswissenbesitzen? Etwa das, dass Sie, wenn Sie an was glauben wollen, an etwasanderes als an ein Land, respektive an seine Insassen zu glauben haben? Was halten Sie denn zum Beispiel von „Jenem höheren Wesen, das wirverehren“? Und wenn Sie jetzt meinen, ich meinte Ratzinger, dann sind Sie schon wieder auf dem Holzweg.

Zurück zu Ihrem Brief. Wir sind immer noch in dessen erstem Absatz. Genau genommen sind wir am Ende Ihres oben zitierten Glaubens-Satzes, der ganz prahlerisch mit einem Ausrufezeichen endet. Sie glaubten also gerade an Deutschland und seine Menschen Ausrufezeichen. Das hätten Sie besser mal weggelassen und statt seiner ein Komma gesetzt, dann hätte nämlich der nächste – na ja,ich will mal sagen „Worthaufen“ – nicht so allein gelassen in der Textwüste gestanden. Ich zitiere: „Weil Deutschland voller Chancen steckt.“ (Zitat Ende) Frau Merkel, wenn Sie „Weil Deutschland voller Chancen steckt“ wirklich für einen Satz halten, dann allerdings müssen wir wirklich noch mal ganz von vorn anfangen. Etwa mit „Deutsch, richtig und gut“, von Dr. Friedrich Müller, erschienen im Schönigh-Verlag, Paderborn. Mag sein, dass dieses kleine Büchlein mittlerweile vergriffen ist, zu Übungszwecken stelle ich Ihnen aber gerne leihweise mein Exemplar zu Verfügung. Es handelt sich um die Ausgabe aus dem Jahr 1965, also aus einer Zeit, als ich in meiner Schule „das Komma im einfachen und erweiterten Satz“ übte und Sie in Ihrer „Grundlagen des dialektischen Materialismus“ pauken mussten. „Weil Deutschland voller Chancen steckt.“ Frau Merkel, so geht das nicht, und dabei bleibt die Tatsache, dass Deutschland selbstverständlich nicht voller Chancen, sondern voller Autos steckt, noch völlig außen vor.

Sehr geehrte Bundeskanzlerin, das war jetzt, ich gebe es zu, ziemlich viel Stoff auf einmal. Mein Brief an Sie ist schon länger als Ihrer an mich. Dabei haben wir uns mal gerade mit zwei kleinen Textstellen beschäftigt. Bevor es also in Überforderung ausartet, möchte ich jetzt lieber schließen.

Es entspricht nicht meinen Gewohnheiten, andere Menschen mit ungebetenen Ratschlägen zu belästigen. Da Sie mir aber unaufgefordert Post geschickt haben, dürfte Ihnen ein entsprechendes Verhalten nicht unangenehm sein. Liebe Frau Merkel, bitte schreiben Sie mir erst dann wieder, wenn Sie es können!

 

Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie übrigens, dass das der einzige von mir verfasste Satz ist, der womit endet? Richtig: Mit einem Ausrufezeichen.


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