Benzin aus Kohle

Benzin aus Kohle

Erst verboten, dann einfach »vergessen«?

Wie so viele wissenschaftliche Höchstleistungen, Erfindungen und Patente wurden vor 1945 in Deutschland der Not gehorchend auch Verfahren entwickelt, aus Steinkohle Benzin herzustellen: die Kohlehydrierung.

Bis zum Kriegsende produzierten 27 Werke nach verschiedenen Verfahren bis zu 6,5 Millionen Jahrestonnen Treibstoff durch Kohleverflüssigung. Um diese Menge einordnen zu können, hier ein Vergleich: 1967 hatte die BRD einen Treibstoffverbrauch von 12,5 Millionen Tonnen. Mehr als die Hälfte des Jahresverbrauchs wäre also schon damals durch eigenes, aus Kohle gewonnenes Benzin zu decken gewesen.

Energie bedeutet Macht, eigene Energie bedeutet nationale Unabhängigkeit

Kein Wunder also, daß die alliierten Besatzungsmächte in den Kontrollratsgesetzen als eine der ersten Maßnahmen die Kohlehydrierung verboten:

»Hiermit sind in Deutschland verboten und werden für gesetzwidrig erklärt: (…) Anlagen für strategische Großversorgung mit Treibstoff, Öl und Schmiermitteln. (…) Diese Einrichtungen oder Bauten sind vor oder zu dem Zeitpunkt der Beendigung der Besatzung zu schleifen oder zu entfernen (…).«

Quelle: Kontrollratsgesetz Nr. 23, Berlin den 10. April 1946, Zitate aus Artikel II und Artikel V

Die Kohlenförderung hingegen wurde mit aller Macht gesteigert, sie bildete den Grundstock des Wiederaufbaus, bis Ende der 50er Jahre die Schwemme des billigen Erdöls einsetzte.

Alle Anregungen, Vorschläge und Forderungen zur Neuerrichtung von Hydrierwerken als Möglichkeit, den deutschen Bergbau zu erhalten und sich gleichzeitig von Einfuhren unabhängiger zu machen, wurden von der Politik wie auf einheitliches Kommando hin als »unrentabel« abgewiesen. Statt dessen wurden über Jahrzehnte Milliarden DM Steuergelder für Stillegungen und Folgekosten zum Fenster herausgeworfen – bis heute, und nach dem sogenannten »Kohlekompromiß« auch in aller Zukunft.

Denn selbst wenn man die letzte Zeche schließt, bleiben die »Ewigkeitskosten« für das Abpumpen des Grubenwassers und die Behebung der Bergschäden, die noch viele Jahre auftreten werden. Da das ganze Ruhrgebiet unterirdisch durch die Grubenbaue verbunden ist, kann ein Teil der Schächte nicht zugeschüttet werden, da sie als Pumpstationen gebraucht werden, sonst würde z.B. die durch den Abbau abgesenkte Stadt Gelsenkirchen eines Tages vier Meter unter Wasser stehen. Diese Kosten werden auf jährlich 400 bis 500 Millionen Euro geschätzt.

Wir schließen also unsere Zechen und importieren inzwischen nicht nur Öl und Gas (das auch ein Nebenprodukt der Kohlenförderung wäre), sondern auch immer mehr Kohle:

Ausgaben für die Einfuhr von Kohle, Koks und Briketts:

2002 = 1,917 Milliarden Euro

2003 = 1,835 Milliarden Euro

2004 = 2,972 Milliarden Euro

Quelle: Statistisches Jahrbuch 2005, Seite 470

 

Kohleimporte in den letzten Jahren:

2004 = 27,036 Millionen Tonnen1)

2005 = 42,300 Millionen Tonnen2)

Quellen: 1) Statistisches Jahrbuch 2005, Seite 390

2) Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Kohle noch für vierhundert Jahre!

Von den deutschen Steinkohlevorräten gelten rund 24 Milliarden Tonnen als technisch gewinnbar. Angesichts der aktuellen Fördermenge von knapp 26 Millionen Tonnen ergibt sich bei gleichbleibender Fördermenge eine theoretische Reichweite von über 900 Jahren. Aufgrund ungünstiger geologischer Bedingungen wird aber auch in Zukunft trotz steigender Energiepreise und -knappheit nur ein Teil dieser Vorräte wettbewerbsfähig förderbar sein. Vertreter der deutschen Kohlewirtschaft beziffern deshalb unter Beibehaltung der derzeitigen Fördermengen die Reichweite der deutschen Steinkohle auf etwa 400 Jahre.

Unerschöpfliche Erdwärme vorrätig!

Die Schächte an der Ruhr und an der Saar sind mehr als 1.000 Meter tief. Mit der heute entwickelten Bohrtechnik wäre es überhaupt kein Problem, zusätzlich zum Kohleabbau aus den in dieser Teufe bestehenden Großräumen der Zechen noch 1.000 Meter tiefer zu bohren und nach dem Prinzip der verbundenen Röhren mit geringstem Energieaufwand warmes Wasser zur Fernwärmeversorgung ganzer Städte zu fördern.

Kohleverflüssigung – alles »vergessen«?

Im Schock der Ölkrise 1973 erinnerte man sich. Am 6.11.1973 titelte die Neue Ruhr Zeitung (NRZ):

»Kohle in Hydrieranlagen zu Treibstoff zu verflüssigen, ist nicht neu. Inzwischen hatte man jedoch dieses Verfahren schlicht vergessen.«

Das ist nicht nur unglaubwürdig, sondern geradezu lächerlich. Nachdem das Verbot von der alliierten Hohen Kommission mit dem Gesetz A-38 vom 5.5.1955 aufgehoben wurde, hätte man mit der großtechnischen Hydrierung starten können, statt später mit Milliarden DM die Atomspaltwerke zu subventionieren.

Schon 1969 legte Dr.-Ing. Herbert Barking, MdL, einer der anerkanntesten Fachleute der damaligen Bundesregierung, eine Studie über die Kosten von Kohle-Benzin vor. Beim damaligen Kohlepreis von 60 DM je Tonne hätte ein Liter Kohle-Benzin 18,2 Pfennig gekostet (vgl. UN 11/73). Bei einer Senkung der Mineralölsteuer für Kohle-Benzin um wenige Pfennige wäre die Kohlehydrierung schon damals wettbewerbsfähig gewesen!

Es fehlen einem die Worte!

Von 1977 bis 1980 zeigten sieben im Kleinstmaßstab errichtete Pilotanlagen zur Kohleverflüssigung unter Weiterentwicklung der vor 1945 betriebenen Anlagentechnik positive Versuchsergebnisse auf. Daraufhin wurde im Januar 1980 ein Programm zur großtechnischen Kohlevergasung und -verflüssigung aufgelegt. Es sah 14 Projekte zur großmaßstäblichen Kohleveredlung mit einem Investitionsbedarf von 13 Milliarden DM und einem Einsatz von 10 Millionen Tonnen Stein- und 12 Millionen Tonnen Braunkohle vor.

Diese auf heimischen Reißbrettern entwickelte Kohleverflüssigung gilt weltweit als führende Technologie. Aber nichts geschah. Im Gegenteil:

Die modernste Pilotanlage der Bergbauforschungsanstalt DMT (Essen) wurde 2004 – ähnlich wie die Kokerei Kaiserstuhl – fein säuberlich abgebaut und nach China verkauft.

Dort soll mit Hilfe deutscher Experten noch 2007 eine Anlage anlaufen, die jährlich 9,7 Millionen Tonnen Kohle zu Benzin, Kerosin, Diesel und Nebenprodukte herstellen soll.

SPD-Zölpel will Ruhrgebiet fluten

Durch den Kohleabbau haben sich große Teile des Ruhrgebiets mehrere Meter gesenkt. Damit die sich nicht in Sumpflandschaften oder Seen verwandeln, muß das Grubenwasser auf Dauer mit Millionen-Kosten abgepumpt werden.

Ex-NRW-Bauminister Christoph Zölpel (SPD) hat nun laut WAZ vom 17.2.2007 angeregt, durch den Bergbau abgesackte Gebiete im Ruhrgebiet in Seen umzuwandeln. Dadurch ließen sich nach der Stillegung die »Ewigkeitskosten « verringern und Arbeitsplätze schaffen.

Na, dann gute Nacht in Gelsenkirchen, Duisburg oder Recklinghausen!